4. Mediengeschichte als mediale Historiographie

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Programme der Mediengeschichte in der Spannung zwischen einer Geschichte von Einzelmedien (Apparate, Technologien oder verschiedene ‚Massenmedien‘) einerseits und einer allgemeinen Kommunikationsgeschichte andererseits konstituiert (vgl. Faulstich u.a. 1993) und wurden durch groß angelegte Chronologien bzw. Chroniken der Medienentwicklung ergänzt (Hiebel 1999). Bei all diesen systematischen, monographischen oder enzyklopädischen Versuchen blieb allerdings die Frage bestehen, über welchen kohärenten Gegenstand sich das Projekt einer Mediengeschichte überhaupt definiert. Denn hier treffen die Auslagerungen der alten und erprobten Philologien, der kunst- und geschichtswissenschaftlichen Disziplinen, mit Nachrichtentechnik, Publizistik, Soziologie, kommunikationswissenschaftlichen und wissenshistorischen Fragen in einem unbestimmten Mischungsverhältnis aufeinander und machen nur deutlich, dass ein gemeinsamer Ort ungewiss und ein gemeinsamer Gegenstandsbereich wenigstens problematisch ist. So sehr eine Frage nach der Geschichte von Medien über verschiedene Disziplinen hinweg insistiert, so wenig wird sich deren Beantwortung auf die gesicherte und kanonisierte Einheit eines Fach- und Sachgebiets verlassen können. Lässt sich diese Ungewissheit einer medialen Historiographie zugleich als die Öffnung eines ergiebigen Arbeits- und Forschungsfeldes begreifen, so verdoppelt sie sich durch diese Oszillationen im Medienbegriff selbst. Von den frühneuzeitlichen Registern für Hochwasser- und Sternenstand bis hin zu den Massenmedien, von physikalischen Transmittern wie Luft oder Licht bis hin zu Notationen, die hieroglyphisch, phonetisch oder alphanumerisch funktionieren, von Artefakten und Technologien wie Fernrohr, Grammophon oder Computer bis hin zu Darstellungsräumen wie Perspektive, Theater oder Panoramen – so sehr all das mit gutem Grund in den Objektbereich einer allgemeinen Mediengeschichte hineinreichen mag, so wenig wird diese sich Halt und Haltbarkeit in einer elementaren Definition dessen verschaffen, was ein Medium ist und sein soll. Die unüberschaubare Vielfalt von einzelnen Medien und Mediengeschichten lässt die gemeinsame Ebene einer allgemeinen Mediengeschichte nicht weniger als fragwürdig erscheinen.

Vor diesem Hintergrund hat man immer wieder an Paradigmen angeknüpft, die jeweils unterschiedliche Modelle und Parameter für eine allgemeine Mediengeschichte bereitgestellt haben, seien es die sozialhistorisch orientierten Analysen Benjamins oder Kracauers (Benjamin 1980a; Kracauer 1984), sei es Wissenschafts- und Technikgeschichte (Giedion 1982; Mumford 1974), sei es eine Geschichte der symbolischen Formen (Cassirer 1923-31; Panofsky 1992), seien es diskursanalytische oder systemtheoretische Konzepte. Auch auf diesem Feld wurden von Geistes- und Sozialwissenschaftlern Medientheorien aus den Natur- und Technikwissenschaften übernommen. Keine Biochemie, keine Neurologie, keine vergleichende Verhaltensforschung kommt heute ohne Kommunikations- und Medientheorie und entsprechende Signal- bzw. Kodetheorien aus. Die gängigen Informationskonzepte fußen u.a. auf Gregory Batesons Musterbegriff, der mathematischen Wahrscheinlichkeitstheorie oder der technischen Informatik. All diese Perspektiven reichen auch in das Gebiet der Mediengeschichte hinein. Neuere medienhistorische Versuche unterschiedlicher Provenienz (vgl. etwa Debray 1999; Hörisch 1999; Kittler 2000; Uricchio 1998; Winston 1998; Zielinski 2002) haben sich darum ganz konsequent in einem interdisziplinären Zwischenraum angesiedelt; sie lassen insgesamt eine Wendung erkennen, mit der Medien entweder als kulturelle oder als anthropologische Praktiken bzw. Techniken angesprochen werden können (Rieger 2001, 2002). Gerade diese generelle Interaktion von Medien, Mensch und Kultursystem aber wirft einige methodische und sachliche Probleme in historiographischer Hinsicht auf.

So stellt sich zunächst die Frage, wie die Definition unterschiedlicher Medienbegriffe bzw. –funktionen in die diversen Historisierungsversuche eingreifen. Es ist nämlich eine je andere ‚Mediengeschichte‘, die ausgehend von Techniken, Instrumenten und Geräten, von künstlerischen Gattungen, Kodes, Kommunikationssystemen oder Institutionen erzählt werden kann. Mediengeschichte lässt sich über Prozesse technologischer oder sozialer Modernisierung, als Evolution komplexer Systeme, über die Virulenz epistemischer Brüche oder als Entwicklung ästhetischer Kategorien und poetischer Formen rekonstruieren. Die Genese des Kinos etwa führt auf eine Vorgeschichte der Mechanisierung und der optischen Instrumente, auf eine Strukturgeschichte der Öffentlichkeit, die Evolution von Massenkommunikation oder eine Tradition pikturaler Ästhetik gleichermaßen zurück und räumt dabei je unterschiedliche Konstellationen von Geschichte und Vorgeschichte, von Epoche und Epochenwandel ein. Ein weitere Frage knüpft daran an, die Frage nämlich, unter welchen historischen Bedingungen Medien zu Medien werden, wie und aus welcher Perspektive die Entstehung bestimmter Medienfunktionen zu beobachten und zu beschreiben sei. Erfindungen und Innovationen werden dabei ebenso geltend gemacht wie infrastrukturelle Veränderungen oder ein Wandel der politischen wie sozioökonomischen Anforderungen. Unter welchen Voraussetzungen tritt etwa aus der Elektrizitätslehre des 19. Jahrhunderts ein signifikanter medientechnischer Sachverhalt hervor? Wie ermöglichen Mathematik, Informationstheorie, Halbleitertechnik und Industrie das neue ‚Leitmedium‘ des Computers (vgl. Bolz u.a. 1994)? Was mit den Namen von Geräten oder Erfindern datierbar ist, weist zugleich in ein unübersichtliches Gefüge aus Bedingungen und Umständen zurück, die über die Installation von Mediensystemen, über mediale Funktionen und Wirksamkeiten entscheiden. So wenig also ein einzelner – technischer oder symbolischer, sozialer oder ästhetischer – Sachverhalt das Auftauchen und die Grenzen medialer Effekte bestimmen kann, so sehr wurde gerade in neueren Überlegungen der Begriff des Dispositivs beansprucht (vgl. Foucault 1978; Lyotard 1973; Baudry 1994; Hicketier 1990), ein Begriff, der die jeweiligen Medienfunktionen aus einer komplexen und heterogenen Konstellation von Technologien und sozialen Praktiken, Wissensformen und Institutionen herzuleiten versucht. Schließlich steht damit die Korrespondenz zwischen einer Mediengeschichte und den Datierungen einer allgemeinen Geschichtsschreibung auf dem Spiel: mit der Frage etwa, wie die Epochalität von Medien mit der Markierung von Epochen und Epochenschwellen überhaupt interferiert (Gumbrecht/Link-Herr 1985; Hickethier 1995; Herzog/Koselleck 1987).

Vor diesem Hintergrund wären unterschiedliche Konzeptionen der Mediengeschichtsschreibung auf ihre Fähigkeit hin zu untersuchen, einen Bezirk medienhistorischer Prozesse sowohl zu begrenzen wie zu kontextualisieren und im Austausch mit kulturellen Formationen darzustellen. Dabei gilt es allerdings jenen methodischen Vorbehalt zu respektieren, der darin besteht, dass jede Geschichte von Medien sich unter Bedingungen konstituiert, die Medien selbst schaffen und sind. Das Graduiertenkolleg Mediale Historiographien wird demnach vor allem jene Übergänge beobachten, die von Medien als Objekten historischer Darstellung zu Medien als Voraussetzung von Geschichtsschreibung führen. Vor dem Hintergrund der bisher gestellten Fragen – nach den Medien der Historiographie, nach Repräsentationsweisen des Historischen und nach dem Verhältnis von Medientheorie und Theorie der Geschichte – verfolgt eine historische Medienwissenschaft also nicht nur die epochalen Momente von Medienwandel und Medieninnovation, es geht vielmehr darum, die Kriterien und Probleme einer Mediengeschichte mit den impliziten Geschichtsmodellen unterschiedlicher Medienkonzepte selbst zu verbinden. Hier trifft eine Geschichte der Medien mit jener Geschichte zusammen, die Medien selbst schreiben: Die Wahrnehmung der Geschichte von Medien wird von Medien geprägt.

Unterschiedliche – technische, symbolische, institutionelle – Medien verursachen verschiedene historiographische Muster, die selbst wiederum auf die Optionen der Mediengeschichtsschreibung zurückwirken. Ein Problem dieser Art hatte etwa Elizabeth Eisenstein vor Augen, als sie sich in ihrer großen Studie die Frage stellte, wie die Entstehungsgeschichte, die Effizienz des Buchdrucks gerade durch die Vorherrschaft einer typographischen Kultur affiziert oder teleologisch verzerrt wird (Eisenstein 1997); und schon Marshall McLuhan folgte einer ähnlichen Intuition, als er ein Medium zum „Inhalt“ des anderen deklarierte: Jedes neue Medium bestimmt demnach die Perspektive auf die Etappen seiner Vorgeschichten, es präfiguriert die Parameter seiner jeweiligen (Selbst-)Historisierung (McLuhan 1968). Es ist offenbar nicht gleichgültig, welche Geschichte welchen Mediums in welchem Medium dargestellt wird. So sehr also Schrift, Buch und Textualität neuzeitliche und moderne Geschichte bzw. Geschichtsschreibung geprägt haben, so sehr begegnet diese schließlich einer Grenze und einem Darstellungsproblem: dort etwa, wo es sich um die Geschichte akustischer Medien, bewegter Bilder oder elektronischen Nachrichtenverkehrs handelt. Schon Jean-Luc Godard hat auf diese Fragen reagiert, seine „Geschichte(n) des Kinos“ als polemische Konstellation zwischen unterschiedlichen Medien, zwischen Film und Fernsehen, Wort und Bild konzipiert und damit das Format einer linearen Narration wie der Textualität selbst überschritten (Godard 1998). Gerade eine Mediengeschichte, die sich auf eine Rekonstruktion von Sinn wie von Sinnlichkeiten versteht, muss sich mit einer Transgression des typographischen Raums und seiner Darstellungsbedingungen konfrontieren und weitere analoge und digitale Medienformen integrieren. Dabei wird für einen medienhistorisch relevanten Geschichtsbegriff nicht zuletzt die problematische Spannung zwischen ‚Geschichte machen‘ und ‚Geschichte schreiben‘ auf besondere Weise akut. Denn in Simulationstechniken etwa und im kybernetischen Medium des Computers fallen die produzierten Ereignisse mit programmierten, d.h. geschriebenen zusammen und werfen die Frage auf, in welcher Form und in welchem Medium diese Niederschrift noch einmal – historiographisch – darzustellen sei.

Eine stichhaltige Mediengeschichte wird allerdings auf eine komparatistische Perspektive nicht verzichten können und als vergleichende Mediengeschichte nicht zuletzt jene Medien und Kodes verfolgen müssen, die von einer Kultur in die andere wandern. Dabei kann die Umsetzung eines Grundaxioms der Mediengeschichte, nämlich dass jede Kultur für sich selbst definiert, was sie als Medium akzeptiert und was nicht, näher beschrieben werden. Die Berücksichtigung dieser selbstreferentiellen Dimension hat sowohl für die Formulierung von Medientheorien als auch für die Historiographie der Medien Konsequenzen: Sie besitzen (nur) eine kulturspezifische Geltung. Gleichzeitig weist dieses Axiom auch der Wissenschaft besondere Funktionen zu: Als Teil der Kultur kann sie Beiträge zu ihrer Selbstbeschreibung leisten, die Medienwissenschaft liefert Vorschläge für die Identifizierung von Medien. Die Mediengeschichtsschreibung gewinnt eine prognostische Funktion, indem sie Trends, z.B. im Sinne von Prozessverlaufskurven, fortschreibt.

Das Forschungsprogramm des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien umschließt also verschiedene historische wie theoretische und methodische Fragestellungen, die sich auf das Wechselverhältnis von Medien und Geschichte, auf die Relation von medialen Infrastrukturen und historischem Wissen seit Ende des 18. Jahrhunderts beziehen. Dabei geht es um die Möglichkeiten einer historischen Medienwissenschaft, die eine Zusammenarbeit der verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen verlangt und schließlich konkrete Aufschlüsse über die Entstehung dessen liefert, was man geraume Zeit schon Wissens-, Informations- oder Mediengesellschaften nennt.

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