3. Medien- und Geschichtstheorie

Auch wenn sich bereits in den Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften des 19. Jahrhunderts eine geschichtstheoretische Reflexion medienhistorischer Sachverhalte – so mit Alexis de Tocquevilles’ Betonung der „Medialität der Öffentlichkeit“ (Tocqueville 1835) oder mit Gabriel Tardes’ „Wissensproduktion durch Bücher“ (Tarde 1902) – abzeichnet, hat sich erst seit dem 20. Jahrhundert eine enge Korrespondenz von Medientheorie und Theorie der Geschichte in verschiedenen und akuten Konstellationen eingestellt. Das betrifft die wechselseitige Abhängigkeit von Medien- und Geschichtsbegriffen, den Zusammenhang von Medienwandel und historischer Zeiterfahrung und den Versuch, historische Modellbildung mit medialen Infrastrukturen zu verknüpfen. Schon Georg Simmel hat wesentliche Kategorien moderner Geschichtserfahrung ganz systematisch mit veränderten Kommunikationsverhältnissen und diese mit der strukturierenden Kraft von Medien (Simmel 1989) zusammengebracht. Vor allem aber war es Walter Benjamin, der mit neuen Techniken der Reproduktion (Photographie, Film) nicht nur veränderte Wahrnehmungsprozesse und Kunstbegriffe seit dem 19. Jahrhundert konstatierte, sondern zugleich die Notwendigkeit erkannte, historische Modellbildung unter Medienbedingungen zu reformulieren. Das bezieht sich auf geschichtsphilosophische Kernbegriffe wie ‚Schock‘, ‚Diskontinuität‘, ‚profane Erleuchtung‘ oder ‚dialektisches Bild‘ ebenso wie auf das Konzept historiographischer Darstellung, das sich – wie im Passagenwerk – nach den Techniken von Montage und Schnitt organisiert. Ausgehend von prominenten Konfigurationen dieser Art lassen sich einige Bereiche oder Szenarien erkennen, die durch einen weitläufigen Austausch zwischen medien- und geschichtstheoretischen Substraten gekennzeichnet sind.

Ein erstes und heterogenes Gebiet kann man in den verschiedenen Spielarten moderner Kulturtheorie bzw. Kulturkritik bemerken. So ist schon Oswald Spenglers kultur- und geschichtsphilosophischer Großversuch an zentralen Stellen von der kritischen Reflexion symbolischer und technischer Medien motiviert (Spengler 1923) und lässt sich über verschiedene Wendungen hinweg noch in geschichtstheoretischen Konzepten der zweiten Jahrhunderthälfte – etwa in Gehlens Begriff der ‚Kristallisation‘ oder in der Rede vom ‚Ende der Geschichte‘ (Gehlen 1975; vgl. Niethammer 1989) – wiedererkennen. Es geht dabei nicht zuletzt um eine konzeptuelle Verschränkung von Medien, sozialer Kommunikation und historischer Ereignishaftigkeit, die noch in jüngeren Medientheorien thematisiert wird: bei Baudrillard, Flusser oder Virilio etwa, bei denen sich eine wechselseitige Durchdringung von Medientheorie und geschichtsphilosophischen Rudimenten beobachten lässt (Baudrillard 1990, 1991; Flusser 1998; Virilio 1998, 1999, 2000; vgl. Neswald 1998). Dabei ist nicht zu übersehen, wie auch bei verschiedenen Autoren aus dem Umkreis oder aus der Nachgeschichte einer ‚Kritischen Theorie‘ die Bildung geschichts- und kulturtheoretischer Leitbegriffe von der Feststellung medienhistorischer Sachverhalte abhängig gemacht wird. Sei es Adornos „Kulturindustrie“ (Adorno 1967), der historisch-anthropologische Versuch von Günter Anders (Anders 1987), Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Habermas 1969) oder die Überlegungen zu einer Nachkriegskultur des ‚Spektakels‘ (Debord 1996; Postman 1992) – in all diesen Fällen wird die Beobachtung von Geschichtsprozessen auf unterschiedliche Weise von der Kritik moderner Medienverhältnisse innerviert. Moderne Kulturtheorie scheint – mit welcher Ausrichtung auch immer – vor allem Medientheorie und Kulturkritik Medienkritik zu sein.
Ein herausragendes Feld für den Zusammenhang von geschichts- und medientheoretischer Reflexion muss man dort erkennen, wo sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts – und vor dem Hintergrund des linguistic turn und neuer Informationstechnologien – weitreichende Fragen nach der Ordnung und Organisation sozialen und kulturellen Wissens gestellt haben (Rorty 1967). Als etwa Jean-François Lyotard 1979 seinen Forschungsbericht zur condition postmoderne vorlegte (Lyotard 1986) und damit die notorischen Debatten um eine Kultur der Postmoderne auslöste, ging es nicht nur um den Schwund wissenschaftlicher Legitimation und die Verabschiedung des ‚Modernen‘ aus Kunsttheorie und Philosophie. Die Bedeutung dieser Diagnose bestand vielmehr darin, dass sie die Transformation des Wissens mit einem Ende großer Geschichtserzählungen und dieses wiederum mit einem medienhistorischen Datum verknüpft hat. Diese Beobachtung hat durchaus symptomatischen Charakter. Die Entstehung neuer Leitwissenschaften – Linguistik, Informatik, Kybernetik – geht mit einer ‚Informatisierung‘ der Nachkriegsgesellschaften zusammen, sie reicht tief in das methodische Selbstverständnis der so genannten Humanwissenschaften hinein und affiziert schließlich den Kern ihrer geschichtstheoretischen Reflexion (Coy 1992; Siefkes u.a. 1998). Auf unterschiedliche Weise wird nun der historische Diskurs auf ein Apriori verpflichtet, das eine Brechung historischer Sachverhalte durch ihre (medialen) Konstitutionsbedingungen impliziert. Der Strukturalismus etwa – der sich bei Lévi-Strauss in Auseinandersetzung mit linguistischen und kybernetischen Modellen formierte – löst die chronologische Abfolge von Ereignissen und Aktionen in ein kombinatorisches Spiel von Zeichensystemen, mithin in verräumlichte Strukturen auf und lässt eine problematische Divergenz von Geschichtszeit und Systemzeit hervortreten (Lévi-Strauss 1967; vgl. Luhmann 1984, S. 377 ff.). Und auch Foucault hat mit seiner Konzeption des „Archivs“ ein „historisches Apriori“ angesetzt, das unterhalb der verstreichenden historischen Zeit ein asynchrones Verhältnis von statischer Dauer und Diskontinuität markiert (Foucault 1973). Lassen sich analoge geschichtstheoretische Wendungen noch in der Schule der Annales und einer Geschichte der „langen Dauer“ vermerken (Braudel 1972), so ist es vor allem die Materialität unterschiedlicher ‚Graphien‘, die über linguistische und informationstechnische Konzepte sowohl in philosophische wie in medien- und geschichtstheoretische Entwürfe hineinreichen. Derridas „grammatologische“ Theorie der Schrift etwa (Derrida 1972, 1974) situiert sich in den sprachanalytischen und informatischen Paradigmenwechseln der sechziger Jahre und hat eine medientechnisch orientierte Theorie der „Aufschreibesysteme“ (Kittler 1995) ebenso inspiriert wie eine dekonstruktive Rhetorik und Textwissenschaft (Burke 1984; de Man 1986) oder die tropologischen Analysen der Meta-History (White 1991).

Größte Bedeutung für die sozial- und geisteswissenschaftliche Konzeption von historischen Prozessen, insbesondere für die Vorstellungen über Entwicklung und Innovation, haben die naturwissenschaftlichen Evolutions- und Entwicklungstheorien im 20. Jahrhundert erlangt. Speziell Darwins Entstehung der Arten einschließlich der dieses Werk weiterführenden biologischen und ökologischen Emergenz- und Koevolutionstheorien liefern das Basisvokabular für zahlreiche Medien- und Kulturgeschichten. Medien ‚entstehen‘, ‚setzen sich durch‘, ‚verdrängen‘ andere usw. Mittlerweile werden ökologische Konzepte auch explizit bei der Formulierung von Modellen der Medien- und Kulturgeschichte genutzt (Siefkes 1992; Eurich, 1998; Giesecke 2002). Dabei ist nicht zu übersehen, wie auch die Psychologie zur Quelle für medienwissenschaftliche Geschichtsmodelle geworden ist und sowohl in der psychoanalytischen Entwicklungstheorie wie in gruppendynamischen Prozesstheorien elementare Begriffe für die Beschreibung von Medieneffekten bereit gestellt hat (Übertragung und unbewusste Spiegelung; Abhängigkeit, Gegenabhängigkeit, alpha-Position/Leitmedium). Teilweise findet die Rezeption von biologischen und psychologischen Prozessmodellen durch die Medienwissenschaftler über die Zwischenstufe soziologischer Adaptionen statt. Gerade der Mangel an Geschichts- und Evolutionsmodellen, der für die soziologische Systemtheorie typisch ist, hat diese zum Einfallstor für Theorien aus anderen Disziplinen gemacht. Kategorien wie „Evolution“, „Variation“ oder „Emergenz“ haben so eine durchaus problematische geschichtstheoretische Dimension erhalten (Parsons 1980; Luhmann 1984, 1988-1989; vgl. Engell 2001).

Spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts also – so ließe sich das zusammenfassen – wird ein intimer und vielfältiger Zusammenhang zwischen Wissensstrukturen, Medienfunktionen und Geschichtsbegriffen diskutiert. Natürlich ist mit diesen Perspektiven der Austausch zwischen Medientheorie und Theorie der Geschichte seit dem 20. Jahrhundert keineswegs ausgeleuchtet. Dieser Austausch lässt sich – über das Gesagte hinaus – etwa in der historischen Epistemologie von Bachelard bis Canguilhem, in der Wissenschafts- und Technikgeschichte (Latour 2002; Rheinberger 1992; Serres 1994) ebenso beobachten wie etwa im Bereich sozialhistorischer Forschung (Stichweh 1991). Und nicht zuletzt sind es zwei weitere Gebiete, in denen aus unterschiedlichen – historischen, philologischen, philosophischen und medienwissenschaftlichen – Perspektiven eine theoretische Verschränkung von Medien- und Geschichtsbegriffen verhandelt wurde. Das eine Gebiet betrifft die umfangreichen Forschungen zur Struktur von Erinnerung und Gedächtnis, die etwa in der Verhandlung des ‚Trauma‘-Begriffs, im Umkreis der Holocaust-Debatte, der Diskussion um Vergegenwärtigungsprozesse (vgl. Novick 1999; Levy / Sznaider 2001) und vor allem in der Frage nach der Funktion von Gedächtnismedien bzw. nach der Poetik des Gedächtnisses (J. Assmann 1983, 1992; Nora 1990; A. Assmann 1999; Haverkamp / Lachmann 1991, 1993) eine theoretische Wendung erhalten haben. Schließlich ist mit der Frage nach der Phänomenalität von ‚Ereignissen‘ ein Begriff in den Mittelpunkt gerückt, dessen theoretische Dimension sich in der Spannung zwischen medientechnischer Kodierung und historischer Diskursivität entfaltet hat (vgl. Balke 1992). Mit all diesen Fragen scheint ein interdisziplinäres Arbeitsgebiet vorzuliegen, das sich durch eine eigene systematische wie thematische Gestalt auszeichnet und einen privilegierten Ort in der modernen bzw. zeitgenössischen Theoriebildung einnimmt. Die theoretische Durchdringung von Medien und Geschichtsschreibung ist selbst ein medienwissenschaftliches Problem.

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