1. Medien der Historiographie

Wahrscheinlich war der Wirtschaftshistoriker Harold Adams Innis einer der ersten, der in Arbeiten wie Empire and Communications (1950) und The Bias of Communication (1951) die Geschichte von Transport- und Verkehrswegen, von Kommunikationsnetzen und medialen Infrastrukturen auf systematische Weise zum Gegenstand historischer Analyse machte. In diesen grundlegenden Untersuchungen ging es nicht allein darum, die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Konsequenzen von Medien- und Kommunikationstechniken festzuhalten; vielmehr hat Innis schon hier die Frage gestellt, wie medientechnische Bedingungen in die Formation historischen Wissens selbst hineinreichen (Barck 1997). Innis’ Arbeiten haben damit eine wesentliche Richtung medienhistorischer Forschung begründet und etwa in der ‚Schule von Toronto‘ (McLuhan, Havelock, Goody, de Kerckhove) eine wirkungsvolle Fortsetzung gefunden. Und sie haben Medien damit nicht nur als Objekt historischer Forschung, sondern als Ermöglichungsbedingung historiographischer Arbeit selbst angesetzt.

Dabei ist nicht zu übersehen, wie Nachrichtenwesen, Verkehrs- und Kommunikationstechniken schon seit dem 19. Jahrhundert von einzelnen Historikern als besonderer historischer Gegenstand aufgegriffen wurden. Man kann dabei an Jakob Burckhardts kritische Betrachtungen zur Geschichte der Presse denken (Burckhardt 1978), an die Bedeutung von Verkehrs- und Maschinenwesen für die marxistische Geschichtsschreibung (Marx 1960) oder an Karl Lamprechts Deutsche Geschichte, in der moderner Verkehr, Eisenbahn, Dampfschiff, Güteraustausch, Telegraphie und Telephonie samt ihrer sozial-psychologischen Folgen in den Blick genommen wurden (Lamprecht 1974). Lamprechts Untersuchungen konnten darum als ein Vorspiel moderner Sozialgeschichtsschreibung angesehen werden (Schorn-Schütte 1988) und haben vor diesem Hintergrund nicht zuletzt eine erkenntniskritische Absetzung vom Historismus gesucht. Lassen sich – seit Beginn des 20. Jahrhunderts – medienhistorische Fragestellungen sowohl in der Wissenssoziologie (Mannheim 1964), in der historischen Sozialwissenschaft (Weber 1980; Wehler 1972), in der Wirtschaftsgeschichte (Sombart 1924) wie in der Mentalitätsgeschichte (Raulff 1989) und der Nouvelle Histoire (Le Goff u.a. 1978) erkennen, so wird ein besonderes Augenmerk nicht zuletzt großen Untersuchungen wie denen Marc Blochs, Lucien Febvres (Bloch 1998, 2002; Febvre 1990, 2002) und schließlich Fernand Braudels gelten: Dessen Méditeranné führt ja nicht nur die historische Fassung einer Geographie, sondern vor allem eine paradigmatische Verschränkung von Verkehrs- und Geschichtsraum vor, eine Konzeption, die selbst wiederum nur durch die extensive photographische Reproduktion von Dokumenten und Quellen aus den verschiedensten Archiven ermöglicht wurde (Braudel 1990b).

Um ‚Medien der Geschichte‘ geht es also insbesondere dort, wo bestimmte Techniken bzw. Technologien die dokumentarische Basis für das Studium und die Rekonstruktion der Geschichte liefern (Bloch 2002). So ist die Ausbildung der Historiographie als Geschichtswissenschaft nicht nur mit der Verwandlung der Historien in den Kollektivsingular ‚Geschichte‘ und mit einer fundamentalen Verzeitlichung des Wissens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbunden. Schon bei den Historikern der Göttinger Schule (Gatterer 1767, Schlözer 1802 ff.; Vierhaus 1987) handelt es sich vielmehr darum, eine systematische Betrachtung der Geschichte mit der konsequenten Erfassung und Verwertung von Archiven zu verknüpfen; und nach Ranke sind es die in den unterschiedlichsten europäischen Archiven abgelegten Papiere, die den Historiker ohne subjektive Beimengung an die vergangenen Tatbestände – „wie sie eigentlich gewesen“ – heranführen (Ranke 1874). Freilich sind Archive nicht bloße Speicher, sondern erweisen sich als Umschlagplätze eigenen Profils für Ereignisse, Informationen und Nachrichten, sie regeln den Verkehr des Historikers mit den „Ideen“ der Vergangenheit. Sie schaffen diverse Lokalitäten der Erinnerung, die selbst an der Produktion von Ereignissen beteiligt sind (Derrida 1995; Steedman 2001). In der Frage nach dem Status und der Bedeutung von „Quellen“ und Quellenkritik wird seit Beginn des 19. Jahrhunderts jedenfalls die zeitliche und räumliche Übertragung historischer Nachrichten im weitesten Sinn diskutiert, ihre Zuverlässigkeit, Störung oder Verfälschung: eine medientechnische Frage, die am Anfang der historischen, philologischen und archäologischen Wissenschaften steht. Es ist darum kein Zufall, wenn etwa Droysen für seine historische Hermeneutik die Metapher der elektrischen Telegraphie anspricht und damit den intrikaten Prozess der Vermittlung und Mediation in der Arbeit des Historikers bezeichnet (Droysen 1988).

Von hier aus lassen sich wenigstens zwei Fragerichtungen anzeigen, welche die Rolle von Archiven, Speichern und Quellen als ‚Geschichtsmedien‘ betreffen. Erstens geht es darum, den problematischen Zusammenhang zwischen historischer Modell- und Begriffsbildung, Methodik und archivarischer Praxis der verschiedenen Geschichtswissenschaften zu verhandeln, eine Frage, die von der Korrespondenz zwischen Geisteswissenschaft und Nationalarchiv bei Dilthey (Dilthey 1981) über die Bedeutung von Diatheken und Bildprojektion in der Kunstgeschichte bis hin etwa zum Video-Archiv von Steven Spielbergs Shoah Foundation reicht. Schon neuere Geschichtswissenschaft hat Archiv und Quelle als Objekte einer technologischen wie politisch interessierten Verfertigung erkannt und eine Reflexion auf eine Politik des Archivs, auf die Produktionsbedingungen des Dokuments gefordert (vgl. Burke 1991; Le Goff 1997). Eine medienhistorisch orientierte Geschichte der Geschichtsschreibung wird demnach versuchen, die verschiedenen Kategorien, Gattungen, Erzählungen und Darstellungsweisen des Historischen mit der Organisation und Funktion diverser Speichertechnologien zu korrelieren. Dazu gehören Figuren der Zeugenschaft ebenso wie die Einheiten von Autor und Werk oder die Qualität des historisch Gegebenen, des geschichtlichen ‚Datums‘. Diese Konstrukte werden durch verschiedene Speichermedien gleichsam formatiert: Ein besonderes Beispiel dafür wäre noch in der „Oral History“ seit den achtziger Jahren zu erkennen, deren Dokumentationsform nicht zuletzt von den Vorgaben technischer Aufzeichnung (Magnetophon, Videorecorder) diktiert wird (Prins 1991). Eine Geschichte von Apparaten und Geräten reicht also in die Geschichte der Geschichte hinein, und es steht damit – zweitens – die Materialität dieser Geschichtsmedien selbst auf dem Spiel. Dabei handelt es sich nicht bloß um elementare Verfahren der Verwaltung von Archiven und Sammlungen, um Fragen der Katalogisierung und Registrierung, der Selektion und Zugänglichkeit; und auch nicht nur um die Ablage unterschiedlicher Gegenstände wie Akten und Urkunden, Bücher und Manuskripte, Photographien, Filme oder museale Objekte. Vom geheimen Staatsarchiv über Bibliotheken und Museen bis hin zu Rundfunk-, Film- und Fernseharchiven hängt die Organisation dieses historischen Datenraums auch von der Beschaffenheit materieller Träger selbst ab. Papier, Zelluloid, magnetische oder digitale Datenträger implizieren je unterschiedliche Verwaltungstechniken und sind überdies an Verfallszeiten und Konservierungsverfahren gebunden, die dieses historische Datenmaterial selbst wiederum mit dem Index des Historischen versehen (Ernst 2002; Vismann 2000). Archive als Medien und Quelle von Geschichtsschreibung sind selbst der Geschichte verfallen.

Es lassen sich vor diesem Hintergrund allerdings noch weitere Interventionen vermerken, mit denen Medien den historischen Datenraum organisieren und damit eine gewisse Vorgängigkeit gegenüber der Konstruktion des historischen Zusammenhangs beanspruchen. So führen die Fragen nach historischer Sequenzierung und Epochenschwellen auf elementare Prozeduren der Datierung und der Zeitmessung zurück. Die Einführung eines neuen Kalenders im Zuge der Französischen Revolution hat einen republikanischen Geschichtsbegriff ermöglicht und strukturiert (Meinzer 1992); und die Homogenisierung regionaler Zeiten und Geschichten durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes bewirkt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Konstitution einer „Weltzeit“, die man wiederum als Voraussetzung einer „weltgeschichtlichen“ Historiographie begreifen kann (Thompson 1973; Luhmann 1975; Kern 1983). Die Beispiele für Konstellationen und Praktiken dieser Art sind vielfältig: Man denke etwa an die mathematische Umrechnungstechnik divergenter mittelalterlicher Zeiten durch Hermann Grotefend, die am Ende des 19. Jahrhunderts daran beteiligt ist, einen zeitlich homogenen Gegenstand der Mediävistik zu produzieren (Gotefrend 1986); oder an jenes Millenium-Problem 2000, in dem die programmierten Datierungen aus der Pionierzeit des Computers selbst wiederum ereignishaft wurden. Ein weiteres Themenfeld ließe sich schließlich in jenen Verfahren erkennen, mit denen man neben oder unterhalb geschichtlicher Narration das historische Datenmaterial ordnet: etwa in der Statistik, die seit dem 18. Jahrhundert eine Datenbasis für die Geschichte von Staaten und Territorien schafft (Rassem 1980) und spätestens mit der Frage historischer Quantifizierung (z.B. bei Chaunu 1968 und Le Roy Ladurie 1990) zu einer Auseinandersetzung mit Computer und Serialisierung führt. Insgesamt wären also mit den ‚Medien der Geschichte‘ vor allem all jene technischen, symbolischen und institutionellen Verfahren angesprochen, die seit mehr als zweihundert Jahren als – wie auch immer problematische – Basis für die Darstellung und Organisation historischen Datenmaterials systematisiert werden können.

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