Grundriss

Das Graduiertenkolleg Mediale Historiographien untersucht den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Medieninnovationen, der Dynamik kultureller Prozesse und ihrer historiographischen Konzeptualisierung und verfolgt dabei folgende allgemeine Forschungsziele (mit einem Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert):

    1. Medien der Historiographie:
    die Untersuchung der Funktion unterschiedlicher Medien bei der Konstitution und Verfertigung von geschichtlichen Zeiten und Räumen sowie des auf sie bezogenen historischen Wissens;
    2. Mediale Anordnungen der Geschichte(n):
    die Analyse von konkreten Darstellungsformen und Repräsentationsweisen von Geschichte in verschiedenen Medien;
    3. Theorie der Medien und Theorie der Geschichte:
    die Untersuchung des Zusammenspiels von medienhistorischem Wissen und Theorien der Geschichte;
    4. Mediengeschichte als mediale Historiographie:
    die Erarbeitung von Konzepten und Methoden einer Mediengeschichtsschreibung, die die Funktion und die kulturelle Spezifik verschiedener Einzelmedien überschreitet und das Projekt einer medialen Historiographie in seiner Besonderheit erkennen lässt.

Medienhistorische Forschung hat sich in den letzten Jahren als eigener Gegenstandsbereich profiliert. Sie ist aus dem Bereich isolierter und verstreuter Fragestellungen herausgetreten, die lange Zeit als Sondergebiet oder Hilfswissenschaft innerhalb der verschiedenen Disziplinen mitgeführt wurden: sei es als Pressegeschichte oder Frühfilmforschung, als Buchwissenschaft, Geschichte der Photographie oder der Schrift. Von ihnen hat die Medienwissenschaft sachliche und methodische Anregungen erhalten und nicht zuletzt Hinweise dafür, wie sich ein medienhistorisches Feld sondieren und bearbeiten lässt. Eine systematische Ausrichtung erfährt die Mediengeschichte allerdings gerade dadurch, dass sie die kursorische Sichtung von Einzelmedien und Einzeldaten hinter sich lässt und sich auf jene Konstellationen bezieht, in denen der Zusammenhang von Medien, Kommunikationswegen, Übertragungen und Medienprodukten einen jeweils besonderen, historisch konkretisierbaren Mediensachverhalt schafft.

Eine historisch orientierte Medienwissenschaft ist also seit geraumer Zeit schon im Begriff, ihre Gegenstände und Fragestellungen im Austausch mit verschiedenen Disziplinen und Fächern zu konstituieren. Denn auch die philologischen und historisch-hermeneutischen Fachgebiete, die Literatur- oder Kunstgeschichte zeigen eine Tendenz, medienhistorisch zu argumentieren, weil sie die medialen Bedingungen ihrer Gegenstände wie deren geschichtliche Dimension reflektieren. Damit schlagen sie durchaus eine neue Richtung ein. Nicht mehr nur die paradigmatischen Instrumente der Vermittlung, Aufzeichnung, Speicherung und Übertragung, die Massenmedien etwa, der Film, das Fernsehen oder der Rechner, sondern zahlreiche andere Gegenstände, Apparaturen, Symboliken und Institutionen sind heute als Medien und ihre Geschichte als Mediengeschichte interpretierbar, das heißt, sie liefern die Voraussetzung für die – systematische, symbolische, rhetorische – Organisation von Daten und Informationen. Über die verschiedenen Fachgebiete hinweg lässt sich also eine Bereitschaft erkennen, Medien und Medienumbrüche als Angelpunkte für kulturelle und ästhetische, gesellschaftliche und technologische Veränderungen zu begreifen. Das Mediale wird dabei als eine Zone der Vermittlung adressiert, die über die Entstehung, die Relevanz und die Darstellung kulturellen Wissens entscheidet. Die Möglichkeiten einer solchen übergreifenden und interdisziplinären Mediengeschichte, ihre Perspektiven und Grenzen stecken den Rahmen des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien ab.

Konkreter liegt der Ausgangspunkt für das Arbeitsgebiet des Graduiertenkollegs dort, wo die historischen Perspektiven der Medienwissenschaft mit einigen methodischen Überlegungen der historischen Wissenschaften konvergieren. Während sich schon bei Autoren wie Walter Benjamin eine wechselseitige und gleichsam programmatische Abhängigkeit von (technischen) Medien und historischer Rekonstruktion eingestellt hat, eröffnet gerade eine neuere Mediengeschichte eine Reihe von Forschungsgebieten, die sich durch eine Verschränkung von Medienfunktion und Historiographie konstituieren: sei es in der Frage nach dem Verhältnis von Schriftkultur und Historie in der Antike, nach dem Zusammenhang von Typographie und Prozessen der Verzeitlichung, nach der Beschleunigung kultureller Prozesse durch EDV und Vernetzung, nach der Spannung von Aktualität und Geschichtlichkeit in den Massenmedien oder nach der Rolle historischer Narration, die man im Rekurs auf ein Zeitalter der Information und neuer Medientechnologien problematisiert sehen wollte. Die Möglichkeit von Geschichtsschreibung wird von je verschiedenen Medienbedingungen bestimmt; und wie unterschiedlich diese Arbeitsbereiche und Positionen von Medienhistorikern bzw. -theoretikern wie Ian Watts und Jack Goody, von Marshall McLuhan und Eric Havelock, von Walter Ong, Elizabeth Eisenstein, Michael Giesecke, Derrick de Kerckhove oder Régis Debray orientiert sein mögen, überschneiden sie sich doch mit einigen Perspektiven, aus denen die jüngere Geschichtswissenschaft die Voraussetzungen ihrer Konzepte und Gegenstände reflektiert hat. Dabei handelt es sich nicht nur um methodische Fragen, die im Umkreis des Strukturalismus, der quantifizierenden Geschichte, der Diskursanalyse, der Neuen Rhetorik oder der Kultur- und Alltagsgeschichte mit der Konzeption neuer historischer Objektbereiche verbunden waren. Im Zentrum stehen auch hier grundlegende Fragen nach der Formation historischen Wissens. Die Medien erfordern und erzeugen je eigene Kodierungsformen. Ihre ‚Sprachen‘ lenken die Darstellungsweisen der historischen Prozesse und Ereignisse durch die Historiographen.

Ohne medientechnische Operationen wie Archivieren, Kopieren, Transkribieren ist Geschichtsschreibung (und also Geschichte überhaupt) unmöglich; und von Reinhart Kosellecks Überlegungen zum Verhältnis von Struktur, Ereignis und Erzählung (Koselleck 1989) über Michel de Certeaus „mediale Wissenssoziologie“ (Certeau 1988, 1991, 1997) bis hin zu einer Poetik oder Rhetorik der Geschichtsschreibung (Stephen Greenblatt, Hayden White) reicht eine mit unterschiedlichen Akzenten gestellte Frage, die die Organisation des historischen Ereigniszusammenhangs mit seinen Repräsentationsweisen und den Effekten seiner Evidenz korreliert. Hat man seit geraumer Zeit schon die geschichtsmächtige Rolle von medialen Infrastrukturen, von Verkehrswegen, von Nachrichten- und Informationssystemen in den Vordergrund gerückt, so geht es darüber hinaus um Praktiken des Erinnerns und die Kodierung historischer Prozess- und Ereignishaftigkeit selbst (vgl. Cohen 1994; Sider/Smith 1998): um die Frage, wie sich ein historischer Gegenstand über die Medien seiner Darstellung konstituiert.

Medienwissenschaft und verschiedene historische Disziplinen scheinen sich also in einem gemeinsamen Arbeits- und Forschungsgebiet zu treffen, das sich durch ein Wechselspiel von ‚Mediengeschichte‘ und ‚Geschichtsmedien‘ formiert. Diese Begegnung wirft historiographische und theoretische, sachliche und methodische Fragen gleichermaßen auf; und sie appelliert damit an einen offenen und dynamischen Medienbegriff, der Apparate und Technologien genauso einschließt wie Institutionen, symbolische Formen oder Repräsentationsweisen. Aus diesem Grund wird sich das Graduiertenkolleg Mediale Historiographien nicht zuletzt mit den Möglichkeiten und Prinzipien der Mediengeschichtsschreibung selbst beschäftigen, das heißt mit der Frage, welche Geschichtsbegriffe durch jeweils unterschiedliche Medienkonzepte begründet und impliziert werden und damit wiederum die Wahrnehmung einer Geschichte der Medien präformieren. Auf diese Weise sucht es auf dem Feld der vielfältig differenzierten Medien- und Geschichtswissenschaften die Konturen einer Figur des Wissens und einer spezifischen Problematik zu erzeugen, für die der Name der medialen Historiographien steht.

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