Tobias Ebbrecht
Vergangenheitsreste im Film. Zur medialen (Wieder-) Aufführung und Transformation historischer Dokumente Als Quellen bilden historische Dokumente das zentrale Material von Geschichtsschreibung. Sie werden in ihrem Entstehungskontext befragt und ausgewertet und begründen so unsere Vorstellungen über die Vergangenheit. Mitunter müssen auch zunächst die vielfältigen Schichten der Überlieferung abgetragen werden, müssen, mit Hilfe des Aufspürens von Brüchen und Fehlern, Hinweise auf die Verfertigung der Dokumente selbst entschlüsselt werden. Ihrer spezifischen medialen Überlieferungsform kommt dabei große Bedeutung zu. Handelt es sich um Protokolle, die in szenischer Anordnung Momente des Vergangenen festhalten, um Tagebücher, in denen – im Spannungsverhältnis mit den öffentlichen Diskursen – private Geschichten aufgezeichnet wurden, um Amateurfilme oder offizielle Filmaufnahmen, an denen sich die Konventionen des (medialen) Blicks wiederfinden lassen. Was geschieht nun, wenn diese historischen Dokumente zu einer Wiederaufführung in gegenwärtigen Filmen kommen? Wie gelingt es, solche Vergangenheitsreste zu kontextualisieren und zu rahmen? Wie wird das Material befragt, um seine Überlieferungsspuren sichtbar zu machen? Wie wird das Material angepasst und in ein anderes Medium übersetzt und welche Bedeutungen generieren sich durch diese medialen Transformationen? Das Projekt untersucht nonfiktionale und fiktionale Filme, deren Material historische Dokumente, filmische und schriftliche, bilden, die in Gänze oder zumindest zu einem großen Teil zu einer neuen Aufführung kommen. Im Zentrum stehen Filme über Filme, also solche zumeist non-fiktionalen Filme, die historische Filmdokumente einrahmen, sowie verschiedene Verfahrensweisen der Übersetzung von Quellen wie Protokollen oder Tagebüchern in Dokumentar- und Spielfilme.
Dr. phil. Tobias Ebbrecht, Studium der Medien- und Filmwissenschaft in Marburg und Berlin, Promotion an der Freien Universität Berlin, bis 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mediengeschichte an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Zahlreiche Aufsätze und Vorträge zu medialen Formen der Erinnerung und Geschichtlichkeit des Films. Letzte Veröffentlichungen: Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis – Filmische Narrationen des Holocaust (Bielefeld 2011), Bilder hinter den Worten – Über Romuald Karmakar (Berlin 2010).
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