Timm Ebner

‚Kannibalen‘ und ‚Blutsauger‘
Kolonialrassismus und Antisemitismus 1914-1945

Vom Verlust der Kolonien im Ersten Weltkrieg bis über die Kapitulation des ‚Dritten Reichs‘ hinaus waren rassistische Diskurse und Praktiken in Deutschland durch eine nachkoloniale Situation geprägt, die sich stark unterschied von der späteren Dekolonisierung anderer Kolonialreiche.

Diese Konstellation zeitigte auch untergründige Einflüsse auf antisemitische Diskurse. In einem vergleichenden Forschungsdesign werde ich untersuchen, wie Kolonialrassismus innerhalb der ,Arbeitsteilung‘ rassistischer Matrizes ein Konzept des ‚Naturzustands‘ und des ‚Unterentwickelten’ beigetragen hat, das als integrierender Gegenpart zum antisemitischen Konzept der ‚Entartung‘ wirkte. Die antisemitischen Diskurse waren zwar dann im Nationalsozialismus hegemonial, verhielten sich aber nicht dichotom zu kolonialrassistischen Diskursen, sondern interdependent. Im Zentrum der Interdependenzen stand der oft widersprüchliche transmediale und transdiskursive Wissenstransfer zwischen Politik, Lebenswissenschaften, Populärwissenschaft und Alltagswissen.

Bei der Frage nach der politischen Ästhetik des ‚Rasse‘-Wissens wird es vor allem um den Körper als Medium von Selbst-, Fremd- und Feindbildern gehen. Die Trope vom ‚Volkskörper‘ lieferte den völkisch/nationalsozialistischen Wahrnehmungsregimen das Material für eine umfassende Parallelisierung von der Mikroebene des Subjekts bis zur Makroebene der Bevölkerung.

Das Material meiner Untersuchung wird neben wissenschaftlichen und politischen Texten die bisher kaum untersuchte Kolonialbelletristik sein, die einen Zugang zur Ästhetik des Alltagswissens ermöglichen soll. Sie wird auch zum Kolonialfilm ins Verhältnis gesetzt werden.

 

Timm Ebner hat Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert, am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte gearbeitet sowie als freier Autor für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Die Idee für das Dissertationsprojekt entstand in Zusammenhang mit der Magisterarbeit Kannibalische Motive in der nationalsozialistischen Konzeption des Fremden. Eine Lacansche Lektüre kolonialer Erzählungen. Seit Januar 2011 ist er Stipendiat des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien.