Daniel EschkötterGespenster der Geschichte – Phantombilder der Gegenwart. Politische Spektrologien in Film und Literatur „Kaum hatte Hutter die Brücke überschritten, da ergriffen ihn die unheimlichen Gesichte, von denen er mir oft erzählt hat.“ Das Echo dieses berühmten Zwischentitels aus Murnaus Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens (D 1921/22), der die schon für Bram Stokers Dracula charakteristische Engführung von Geopolitik, Medientechnik und Vampirismus in nuce präsentiert, ist nach einem Anschwellen in den surrealistischen Poetiken und einem Resonanzverlust nach dem Zweiten Weltkrieg in gegenwärtigen Texten und Filmen wieder stark vernehmbar: „Et quand il fut de l’autre côté du pont, les fantômes vinrent à sa rencontre.“ Was in Jean-Luc Godards Allemagne neuf zéro (F 1991) als Projektion und Übertragung der Schwellenlogik Nosferatus auf eine alte, neue Grenze (resp. deren Aufhebung) erscheint – Eddie Constantine/Lemmie Caution, der nach der deutschen Vereinigung nunmehr dislozierte, funktionslose West-Agent, überschreitet zur Zitation des Murnau-Zwischentitels die Wasserscheide zwischen Ost- & Westberlin – und bei Godard komplexe ‚Bildkompressen‘ und Geschichtskompositbilder generiert, wird – ein Beispiel unter vielen denkbaren – in Claire Denis’ Para-Horrorfilm Trouble Every Day (F/D/J 2001) von einem Reflexionsmodus der Bildschichtung entkoppelt. Hier lassen Geopolitik (als französische Kolonialgeschichte) und Biopolitik (als die Eintragung dieser Geschichte in die Bild-Körper & Körper-Bilder) Film- & Menschenformen korrelieren, indem sie den Grenzverkehr zwischen den Körpern der Politik und der Subjekte an den gespenstischen Status der Bilder selbst binden.- Mit dieser kurzen, freilich schematischen Symptomatik sind zwei ästhetische Reaktionsweisen, zwei filmische Verfahren der Reflexion von Geschichte im Horizont ihrer medialen Fassung, zwei Strategien des Umgangs auch mit Latenzphänomenen des Politischen angezeigt. In beiden Aktualisierungen und Politisierungen des Gespenstischen treffen sich die Annahme, frei nach Kittler, dass Medien immer schon Gespenstererscheinungen liefern und diese vice versa eminente (Selbst-)Reflexionen von Medien und Medialität; die Engführung singulärer und kollektiver Traumata und historischer Ereignisse mit einer Rhetorik und Ikonologik der Heimsuchung; die These, dass regulative Sozialfiktionen grundsätzlich einen gespenstischen Charakter haben. In Literatur, Film, Theorie sucht die Arbeit Gespenster auf – als Geschichtstropen, findet sie in Texten Alexander Kluges, Heiner Müllers, Thomas Harlans, W.G. Sebalds, bei Jacques Derrida, Nicolas Abraham und Maria Torok, in Filmen von Godard und Claire Denis, Christian Petzold und Philip Scheffner, Apichatpong Weerasethakul und Pedro Costa. Es sind literarische, filmische, theoretische Verfahren der Konfiguration von Geschichts-, Raum- und Bildreflexion, der Geschichtsschreibung im Medium des Phantoms, die es in dem Dissertationsprojekt herauszuarbeiten gilt.
Daniel Eschkötter, Studium der Germanistik, Philosophie, Politikwissenschaft und Anglistik in Münster, Hamburg und Baltimore; ab Juli 2007 Stipendiat im Graduiertenkolleg "Die Figur des Dritten" an der Universität Konstanz; von Januar 2008 bis März 2010 Stipendiat im Graduiertenkolleg "Mediale Historiographien", seit April 2010 dort wissenschaftlicher Koordinator.
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