Anne Fleckstein

„establishing as complete a picture as possible”[1]

Performativität, Medialität und die Konstitution von „Wahrheit“ in den öffentlichen Anhörungen der Wahrheitskommission in Südafrika

Mit der Truth and Reconciliation Commission South Africa (TRC) setzte Südafrika zwischen 1996 und 2000 einen öffentlichen landesweiten Prozess der Vergangenheitsaufarbeitung in Gang, der das Ende des Apartheidregimes und den Beginn eines neuen demokratischen Südafrikas markieren sollte. Die landesweit stattfindenden öffentlichen Anhörungen, die auch im Fernsehen und Radio übertragen wurden, wurden dabei als von immenser Bedeutung für einen nationalen Versöhnungs- und Heilungsprozess begriffen. Diese Anhörungen, in denen Opfern von Menschenrechtsverletzungen die Möglichkeit gegeben wurde, ihre individuelle Geschichte vorzutragen, bzw. in denen Opfer den Tätern von Menschenrechtsverletzungen, die um Amnestie ersuchten, öffentlich gegenüberstanden, prägten eine entscheidende Phase des politischen Übergangs in Südafrika und schufen neue Maßstäbe für zukünftige Gestaltungsformen von „transitional justice“. Ihr Aufführungscharakter, die Konstitution von geschichtlichen Ereignissen in den Zeugenaussagen, das Ziel einer breiten öffentlichen Wahrnehmung sowie die Rolle der Massenmedien lassen die Frage aufkommen, welche medialen Strategien dabei zum Tragen kamen. Welche Medien gestalten die Aussagen in den Anhörungen? Welche Faktoren beeinflussen die Wahrnehmung der Anhörungen? Was vermitteln die Massenmedien? Wie überträgt sich der Aufführungscharakter in Medien, die über den Anhörungsraum hinauswirken sollen? Wie werden Anhörungen dokumentiert? Antworten auf diese Fragen könnten Auskunft geben über die Bedeutung der öffentlichen Anhörungen und ihrer medialen Wirkung für eine „neue“ Geschichte der Apartheid in Südafrika, wie sie seitdem den öffentlichen Diskurs bestimmt.

 

In der geplanten Dissertation soll untersucht werden, welche Formen von Medialität in einem performativen politischen Prozess der Transition zu der Konstitution von geschichtlichen Ereignissen führen. Aufbauend auf performativitätstheoretischen Überlegungen zur Emergenz von Authentizität als einem Zusammenspiel von intendierten Inszenierungsstrategien und Wahrnehmung will die geplante Arbeit der Performanz von Authentizität über verschiedene mediale Ebenen und damit den „Spuren“ der ursprünglichen Aufführung in den Anhörungen nachgehen. Es sollen Medien untersucht werden, die von der TRC autorisiert sind und damit Teil einer institutionell intendierten medialen Wirkung sind. Der Zusammenhang von Performanz und Medialität soll dabei die Konstitution von „Wirklichkeit“ – was in der Rhetorik der TRC als „Wahrheit“ zu beschreiben ist – in ihrer Ereignishaftigkeit und Prozessualität und als wesentlich von der Medialität dieser Prozesse abhängig begreifen.

Vita

Anne Fleckstein, Studium der Kulturwissenschaft und Neueren deutschen Literatur in Berlin und Lyon, mehrjährige Tätigkeit beim Goethe-Institut, bei der Französischen Botschaft und diversen Theaterprojekten. Von Januar 2007 bis März 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin im BMBF-Forschungsverbund „Theater und Fest in Europa“ der Freien Universität Berlin. Seit April 2008 Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Mediale Historiographien“.


 

[1] Promotion of National Unity Act No. 1995/34, Kap. 2, § 3, Abs. 1.