Robert Geib
Gedächtnisräume im zeitgenössischen
japanischen Kino
Sowohl in ihren Erzählstrukturen als auch in ihrer
formalen Beschaffenheit beschäftigen sich unterschiedlichste Filme des
japanischen Kinos ab ca. Anfang der 1990er Jahre mit den Themen der
Erinnerung und des Gedächtnisses. Dabei ist besonders auffällig, wie auf
verschiedene Weise der Status eines kollektiven Gedächtnisses in der
Situation eines medialen und kulturellen Umbruchs reflektiert wird und wie
darüber hinaus die Funktionsprinzipien der individuellen Erinnerung im Kino
auf unterschiedlichen Ebenen behandelt werden. Die Arbeit möchte nun den
Fragen nachgehen, in wie weit es gerechtfertigt ist von „Gedächtnisräumen“
im neuen japanischen Film zu sprechen und wie sich die Konzentration auf
jene Themen im konkreten sozialhistorischen Umfelds Japans zur
Jahrtausendwende begründen lässt.
Die filmanalytische Detailbetrachtungen einer Reihe von Filmen der „New New
Wave“ Japans von Regisseuren wie Kurosawa Kiyoshi, Koreeda Hirokazu oder
Aoyama Shinji, aber auch die Animationsfilme eines Oshii Mamoru oder von Kon
Satoshi oder der J-Horror bilden die textuellen Grundlagen für weitergehende
Überlegungen zu den medialen Bedingungen kinematographischer
Gedächtnisdimensionen. Vor allem die Konstruktionsprinzipien des filmischen
Raums in diesen Werken sollen im Zentrum der Überlegungen stehen, da zu
vermuten ist, dass die Beschäftigung mit dem Gedächtnis vor allem durch
seine räumlich-ästhetische Lokation stattfindet. Die grundlegend räumliche
Struktur des filmischen Mediums wird hier auf seine Implikation zu den
medialen Gedächtnisdiskursen, die immer wieder um die Geschichte(n) des
kinematographischen Mediums kreisen, hin untersucht.
Zusätzlich sollen die Filme in ihr sozial-historisch-kulturelles Umfeld
situiert werden, um den gesellschaftlich-politischen Einflüssen auf die
Themen und Formen des neuen japanischen Films auf die Spur zu kommen. Dazu
werden kulturtheoretische Überlegungen zur Geschichte und Erinnerungskultur
des modernen Japan sowie über deren Status in einer zunehmend globalisierten
Wahrnehmungswirklichkeit herangezogen. Aber auch Fragen der über- und
transnationalen Bedeutung dieser speziellen ostasiatischen Bilderproduktion
muss nachgegangen werden. Dieser theoretische Influx soll bei der
filmanalytischen Arbeit parallel geführt werden, um so eine Überkreuzung von
kulturtheoretischen und filmanalytischen Diskursen zu generieren, die
letztlich in den räumlich-zeitlichen Kern kinematographischen Denkens
weisen.
Robert Geib, M.A. studierte Medienwissenschaft, Psychologie und Soziologie
an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nach dessen Abschluss
Lehraufträge in Filmanalyse und Filmtheorie sowie Vertretungsaufgaben am
Lehrstuhl für Geschichte und Ästhetik der Medien der FSU Jena. Seit November
2010 Stipendiat des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien.
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