Jan HenschenDie RAF-Erzählung: Eine Spurensuche zwischen Mythos und Geschichte. Die „Rote Armee Fraktion“ ist nicht nur eines der ersten Ereignisse in der bundesdeutschen Geschichte, das live massenmedial in eine Großzahl von Haushalten gesendet wird, vielmehr und vor allem ist ihr Terrorismus an sich schon Kommunikationsstrategie und performatives Sprechen. Als „Ereignis“ hat die RAF das Mediale daher konstitutiv in sich, dem eine narrative Struktur als auch ein Bildkomplex vorgegeben ist. Eine Umwandlung und Überschreibung dieser Kodierungen ist durchgängig als Gegenstand von literarischen und filmischen Erzählungen zu beobachten. Bereits im Gründungsakt werden „RAF“ und „Terrorismus“ zu eigenständigen Zeichen, die ihre Stellvertreterfunktion für ein historisches Faktum übersteigen und zunehmend verdrängen. Dieses „Eigenleben“ wird während der Historisierung begünstigt durch einen nicht-materiellen und ortlosen Erinnerungsprozess, der genuin auf polyphone Erzählungen und rare, immergleiche Bilder Bezug nimmt. In der Gegenwart des 21. Jahrhunderts erscheint die „RAF“ daher paradoxerweise sowohl als Palimpsest als auch als eine weiße Projektionsfläche. In dem Dissertationsprojekt werden deutschsprachige Romane und Spielfilme untersucht, die den linksradikalen Terrorismus und damit in erster Linie die „Roten Armee Fraktion“ erzählen. Die Auseinandersetzung von den ersten Anfängen im Jahr 1967 über die Auflösung im Jahr 1998 bis in die Gegenwart hat zum Ziel, eine Genealogie deutlich zu machen und diese als das Tableau „RAF-Erzählung“ vorzulegen. Der Fokus liegt dabei auf einer Analyse der Wahrnehmungs- und Darstellungsmöglichkeiten der immer schon medialisierten Geschichte der RAF, andererseits auf der Frage, ob sich aus dieser Disposition zwingend oder vermeintlich die Annäherung an einen Mythos vollzieht.
Jan Henschen, nach diversen Tätigkeiten bei Film- und Fernsehproduktionen Studium der Neueren Deutsche Literatur- und Medienwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Abschluss Magister Artium, anschließend Lehrbeauftragter und Hilfskraft an den Universitäten Kiel und Erfurt, seit Januar 2008 Stipendiat des Graduiertenkollegs „Mediale Historiographien“.
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