Anika Höppner

Mediale Offenbarungen. Lutherische Visionskulturen in der frühen Neuzeit

Ausgangspunkt des Dissertationsprojektes ist die Annahme, dass das Visionäre keine anthropologische Konstante darstellt, sondern in hohem Maße einer Geschichtlichkeit unterliegt. In diesem Sinne ist es Ziel der Arbeit, die wesentlichen Aspekte und Momente einer protestantischen Visionskultur in der Frühen Neuzeit aufzuzeigen und ihre Besonderheiten und Charakteristika gegenüber einer frühneuzeitlichen katholischen Kultur zu betonen. Das Projekt lässt sowohl Kontroversen als auch Relationen und Interferenzen zwischen den verschiedenen historischen Diskursen über religiöse Visionen sichtbar werden.

Mittels gründlicher kultur- und medienhistorischer Untersuchungen protestantischer Visionsberichte aus der Zeit von der Einführung der Reformation bis zum Westfälischen Frieden (1517-1648) verdeutlicht das Projekt, inwiefern sich der protestantische Glaube an die Autorität des biblischen Wortes mit einer auf Unmittelbarkeit ausgerichteten visionären Praxis vereinbaren ließ. Denn während im Spätmittelalter die Visionskultur von Seiten der Amtskirche streng kodifiziert, reguliert und diszipliniert wurde, tauchten die Zeugnisse von visionären Ereignissen in protestantischen Gebieten des deutschsprachigen Raumes unter anderen Vorzeichen verstärkt wieder auf. Diese Visionsberichte von Laien aus protestantischen Kontexten, die sich nicht nur inhaltlich und formal, sondern auch in der Bestimmung ihres Gegenstandes von katholischem Denken absetzten, begreift das Dissertationsprojekt als Träger von Indizien für die zu bestimmende Visionskultur.

Die einzelnen inhaltlich getrennten Analysen werden wesentlich durch die Einsicht getragen, dass bei der Ausbildung und Prägung einer protestantischen Visionskultur in der Frühen Neuzeit den institutionalisierten Formen von Heilsvermittlungen eine tragende Rolle zukam. Insofern sich die klerikalen Verfahrensweisen bzw. ostentativen Medieneinsätze, durch die das Heilige in bestimmter Art und Weise vorstellig wird, auch in die visionären Begegnungen mit dem Heiligen wieder einschrieben, verstehen sich die aufeinander abgestimmten theoretischen medienkulturellen Lektüren der Berichte als Versuch, die medialen Strategien der Heilsvermittlung (z.B. Emotionalisierungs-, Suggestions- oder Polarisierungsversuche) von ihren Wirkungen her zu begreifen. Die historische Perspektive auf Koinzidenzen zwischen religiösen Visionen und ihren Medien ermöglicht so eine bisher weitestgehend unberücksichtigt gebliebene Perspektive auf die Medialität des Protestantismus, der in der Vermittlung des Göttlich-Unsichtbaren sein konstitutives Moment und seine gemeinschaftsstiftende Funktion hat.

 

Anika Höppner studierte Germanistik und Multimedia in den Geistes- und Sozialwissenschaften in Karlsruhe sowie Medienkultur in Weimar und Ljubljana. Seit Oktober 2008 ist sie Stipendiatin der Graduiertenschule Religion in Modernisierungsprozessen in Erfurt am Graduiertenkolleg Mediale Historiographien.