Karin Kröger

Mathematisches – Medium – Literatur. Operativität, Schriftbildlichkeit, Historiographie

 

                                              „Uns beginnt eine wirkliche G e s c h i c h t e d e r  M a t h e m a t i k  mit dem ersten Schriftdenkmal, welches auf Rechnung und Figurenvergleichung Bezug hat.“

 (Moritz Cantor: Vorlesungen zur Geschichte der Mathematik. Bd. I, S. 16)

 

Der Titel meines Dissertationsprojekts „Mathematisches - Medium - Literatur" bezeichnet Wechselbeziehungen zwischen den Disziplinen Mathematik und Literatur, welche durch bestimmte Medien, insbesondere dem der Schrift geschaffen werden. Hierbei soll neben der Untersuchung von literarischen Texten auf ihre „Mathematizität“ auch auf die historiographischen Zusammenhänge von Mathematik und Literatur eingegangen werden. Das heißt, inwieweit sind Medien, insbesondere die Schrift als Notationsmedium (vgl. Zitat Moritz Cantor), grundlegende Voraussetzungen für die Möglichkeit einer Historiographie der Mathematik? Und inwieweit sind literarische Texte, die sich mit Mathematik auseinandersetzen, Teil von mathematischen Historiographien?

Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen literarische Texte des 20. Jahrhunderts, die mit unterschiedlichen mathematischen Themen, Operationen, Verfahren und Begriffen umgehen. Dies geschieht in unterschiedlichen Formen: So können mathematische Formeln im literarischen Text auftreten (wie bei Velimir Chlebnikov) und damit alternative, pseudoistische Formen von Mathematik entwickeln. Oder der Textproduktion werden der Mathematik entlehnte formale Verfahren zu Grunde gelegt und im Text thematisch und/oder schriftbildlich markiert (wie bei George Perec und anderen „Oulipoten“). Ein anderes Feld der Mathematik, das schon spätestens seit dem Barock in die Literaturproduktion Einzug gehalten hat, ist das der Kombinatorik und der Wahrscheinlichkeitstheorie und -rechnung. Diese, sowie die verwandten Themen Unendlichkeit, Grenzwerte und Nullpunkte sind auf unterschiedliche Arten in Texten von Jorge Luis Borges und Samuel Beckett zu finden.

Um Vergleichsmomente für Literatur und Mathematik zu finden, sollen einerseits Begriffe wie 'Verfahren', 'Operation', 'Spiel' und 'Form' analysiert werden und ihre Bedeutungen und Bedeutungsverschiebungen anhand der gewählten poetischen Texte herausgearbeitet werden. Andererseits gilt es die mathematischen Felder und Themen in diesen Texten zu beleuchten und ihrer „Geschichte“ und Historiographie nachzugehen. Im Zusammenschluss der literarischen Erfindung von Mathematik, thematischem Umgang und textorganisierenden Funktionen schließt sich die Gegenfrage an: Ob oder inwieweit kann ein poetisch-textueller Umgang mit Mathematik auf letztere selbst zurückwirken?

 

Karin Kröger studierte Literaturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Comparative Literature an der Universität Erfurt, der Staatlichen Universität Sankt Petersburg sowie an der University of California, Santa Barbara und war 2009-2010 Forschungsstudentin am Graduiertenkolleg Mediale Historiographien. Seit März 2011 ist sie dort Promotionsstipendiatin.