Elena Meilicke

Konjunkturen der Paranoia. Politisches, mediales und historiographisches Wissen im Kino von New Hollywood

Ausgangspunkt meines Dissertationsprojektes ist die Annahme, dass jeder paranoische Diskurs auch ein politischer Diskurs ist. Schon für die „Blütezeit“ der Paranoia um 1900 lässt sich zeigen, dass paranoische Texte stets von Macht und Regierungskunst bzw. deren Fehl- und Sollbruchstellen handeln und insofern ein politisches Wissen bergen. Das gilt, so meine Hypothese, auch für den sogenannten Paranoia-Thriller im Kino von New Hollywood: Paranoia-Thriller arbeiten an der Dekonstruktion staatlicher Anfangs- und Gründungsszenarien, sie stellen die Frage nach der Logik und Darstellbarkeit demokratischer Regierung und Repräsentation und begreifen dabei Macht, Regierung und Gemeinwesen als grundlegend ästhetisch, performativ und phantasmatisch konstruiert. Ich möchte untersuchen, ob und inwiefern Paranoia-Thriller sich verstehen lassen als Inszenierung oder auch Beschwörung eines Politischen, das als Suspendierung etablierter politischer Raum-, Rede- und Körperordnungen in Erscheinung tritt.

In filmästhetischer Hinsicht entspräche dem eine Bild-Ton-Politik, die in der systematischen Entortung von Stimmen und Klängen besteht und zur Dominanz des Akusmatischen im Paranoia-Thriller führt. Es ist dabei immer wieder das Medium Tonband, das eine solche Spaltung von Stimmen und Körpern, eine solche Trennung von Ton und Bild in Szene setzt. Ich möchte zum einen untersuchen, inwiefern die Filme anlässlich des Tonbands einer spezifisch paranoische Erkenntnisweise und Poetik nachgehen. Das Tonband stellt in besonderer Weise das Verhältnis zwischen Symbolischem und Realem zur Disposition. Genau an dieser Grenze operiert aber auch jede paranoische Wahrheitsproduktion, die sich als permanente Umbildung des Realen ins Symbolische beschreiben lässt. Zum zweiten begreife ich das Tonband im Paranoia-Thriller als Vehikel einer filmischen Mediengeschichte. Die per Tonband induzierte Trennung von Ton und Bild führt nämlich letztlich nur immer wieder die für den Tonfilm konstitutive Trennung von Bild- und Tonspur vor und dramatisiert insofern seine medialen Bedingungen. In diesem Sinne lassen sich Paranoia-Thriller als mediale Historiographien begreifen, die im Medium des Tonfilms selbst nach der Operationslogik des Mediums Tonfilm fragen und an seiner Historisierung arbeiten.

Es ist jedoch nicht nur die Geschichte eines Mediums, die hier verhandelt wird. Der offensichtliche Bezug auf zeitgeschichtliche Ereignisse – man kann das Kennedy-Attentat und Watergate als konstitutiven Kern des Genres bezeichnen – kennzeichnet den Paranoia-Thriller darüber hinaus als historische Erzählung. Charakteristikum dieser filmisch-paranoischen Geschichtsschreibung aber ist das Wissen um Medien als aktive Agenten jeder historiographischen Rekonstruktion.

Ziel meines Projektes ist, die hier skizzierte Konstellation, die Verschränkung von paranoischen, politischen und (medien)geschichtlichen Diskursen auf Wechselwirkungen und gegenseitige Bedingungsverhältnisse hin zu befragen.

 

Elena Meilicke studierte Neuere deutsche Literatur, Kulturwissenschaft und Sinologie in Berlin, Wien und Los Angeles. 2010 Magisterabschluss an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zur Poetik und Epistemologie sexualmedizinischer Fallgeschichten um 1900. Verschiedene Tätigkeiten im Filmbereich, u.a. beim Internationalen Forum des Jungen Films und am Konfuzius-Institut der FU Berlin. 2008 bis 2011 zunächst studentische Hilfskraft, dann Mitarbeiterin der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften an der Universität der Künste Berlin. Seit Januar 2011 Stipendiatin im Graduiertenkolleg Mediale Historiographien.