Christoph Rosol

Angewandte Voraussicht. Historische Sphären der numerischen Klimamodellierung

Die simulierten Szenarien vom Klimawandel, die wohl bedeutsamsten Datenanalysen der Gegenwart, leiten sich historisch in direkter Weise aus der numerischen Modellierung von Wetterprognosen ab. Als eine
Gruppe um John von Neumann um 1950 begann, mit Hilfe des ersten rein elektronischen Digitalrechners, dem ENIAC, numerische Wetter-Kalküle zu tatsächlichen Lösungen zu führen, brach für die Meteorologie ein
medientechnisch neues Zeitalter heran, dessen andauernde Gegenwart uns in der synoptischen Modellierung von Klima-Kapriolen vor Augen steht. Bei der Interpolation von diskret gewonnenen und diskret übermittelten
Daten und ihrer anschließenden Extrapolation zu kommenden (oder längst vergangenen) Naturereignissen wird eine epistemische Formierung durchlaufen, welche angesichts ihres Objektes/Akteurs (Erde) eine geradezu größenwahnsinnige Qualität in sich birgt.

In dieser medien- und wissenschaftshistorischen Studie soll der Vorgeschichte und dem Moment der Genese jener numerischen (Pro)Gnosis nachgegangen werden. Die Ausgangsthese ist, dass die Emergenz der
elektronischen Datengewinnung und -verarbeitung (der Radare, Raketen und Rechner) als Modellierungsinstanz der Meteorologie (die Wissenschaft des Wolkigen, Unbestimmten und Chaotischen) mehr als nur die maschinelle Handhabung für eine messende Kunde war, sondern schlicht das Bild dessen änderte, was da gemessen wurde. Es gilt also zu klären, ob und wie ein Verbund von Mess- und Modellierungstechniken, von graphematischen Operationen und
numerischen Maschinen, von Experimentation und Simulation die Genese einer Aussagen über Vergangenheit und Zukunft treffenden Klimatologie konstituierte. Worin schlug sich der Wandel der Instrumente und Modelle in dem Verständnis dessen nieder, was Atmosphäre ist, wie dieselbe funktioniert und wie sie ihre Chronologie zu erzählen hat?
Worin also, kurz gefragt, besteht die medientechnische Bedingung der Kalkulier- und Darstellbarkeit einer Klimawende?


Christoph Rosol hat Geschichte und Kulturwissenschaften in Berlin,
Toronto und nicht in Lyon studiert. Aus der Schnittmenge des
historischen Recherchematerials für die Magisterarbeit über den
"Ursprung der (all)gegenwärtigen Kulturtechnologie RFID" und dem
langjährigen Interesse an der Diskussion um den Klimawandel ist das
hier beschriebene Dissertationsprojekt entstanden, dessen Realisierung
nun seit dem Januar 2008 im Graduiertenkolleg betrieben wird.