Sarah Sander

Die Sichtbarkeit des Transit. Transitstationen Architekturen der Segregation 1892-1954

 


Ballin-Stadt, Hamburg – Ellis Island, New York. Transitstationen und Stationen des Transit. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die transatlantische Migration langsam zur Staatssache wird, regeln bald nicht mehr bloß Gesetze und Verordnungen die Aus- und Einreisebestimmungen, sondern auch entsprechende Architekturen. Deutsche wie überseeische Transitstationen erweitern ihre Gebäudeareale durch Quarantänestationen, Psychiatrien und Hospitäler, in denen fragwürdige Passagiere zeitweilig interniert und damit aktenkundig werden. Denn Quarantäne, Psychiatrie und
Lager sind Arretierungen im Raum wie in der Zeit. Die zeitweilige Internierung unterbricht nicht nur eine Bewegung, sie provoziert Archive. Durch die bürokratische Erfassung der internierten Patienten dokumentieren Anstalten dieser Art Lebensgeschichten in Akten und Registern, in (Bild)Karteien und Statistiken.


Die geplante Dissertation folgt dem Weg der transatlantischen Migration, wie er sich zwischen 1892 und 1954 in den Transitstationen und den Stationen des Transit zwischen den Auswanderhallen der Ballin-Stadt Hamburg und der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island, New York zeigt. Sie interessiert sich für die Zonen der Sichtbarkeit und die Felder der Sagbarkeit, die den Diskurs der Aus- und Einwanderung formieren. Indem die Arbeit Dokumente, Instrumente und Architekturen von Transitstationen als Agenturen gesellschaftlicher Segregation fokussiert, nimmt sie die medialen und architektonischen Möglichkeitsbedingungen und -räume der Prozessierung prekärer Passagiere in den Blick, die um 1900 Bevölkerung konstituieren. Doch Transitstationen sind nicht nur verwaltungstechnische und biopolitische Einrichtungen, sondern auch Umschlagplätze für Geschichten und Träume.


Transitstationen sind kafkaeske Verwaltungsapparate; phantasmatische Gebilde und Sicherheitsraum. Heterotopien in einem starken Sinn des Worts: Insel, Widerlager und Idealbild. Hier werden Daten aus Listen mit neuen Listen verknüpft, Befragungsbögen mit Passagierlisten zu Einreiseregistern, Gesetze an Körper an Orte gebunden. Ein schier unendlicher bürokratischer Anschlussakt, der Schicksale nach Zahlen und Buchstaben (nach Quoten und Vor-Schriften)
verwaltet und Biographien als Listen und Register schreibt. Beamte, Inspektoren und Ärzte fällen in minutenschnelle Entscheidungen mit richterlicher Gewalt. Sie entscheiden nach binärer Logik (zwischen gut oder schlecht, krank oder gesund, rein oder raus) über Gedeih oder Verderb der Dritte-Klasse-Passagiere, die über die Transitstationen ins gelobte Land wollen. Doch neben den Staatsangestellten, Beamten und Ärzten sind hier – so eine zentrale These der Dissertation – auch Raumteiler, Treppen und Schalter betraut. Transitstationen sind operationale Ensembles,
Architekturen der Segregation.


Auf Basis der Archive, Geschichten, Bilder und Bauten der Transitstationen BallinStadt Hamburg und Ellis Island, New York fragt die geplante Dissertation also zunächst nach den Schreibakten und Schriftstücken der in Migrationsangelegenheiten wirksamen Biomacht, die sich in Gesetzen und Verordnungen, in Passagierlisten und Einreiseregistern, in Statistiken und Quoten manifestiert, um somit nach den Einwanderungsgesetzen in ihrer Zusammenarbeit mit medizinischen und psychiatrischen Diskursen zu fragen. Sodann geraten die Medien der Registratur und ihre architektonischen Aktanten in den Blick, d.h. es werden die Dinge und Architekturen und
Segregation fokussiert, die sich als Dispositive der Macht, als wissenskonstituierende, operationale Gefüge aus Grundrissen und Fotografien, aus Berichten und Skizzen rekonstruieren lassen. Ein spezifisches Transitwissen gerät in den Blick, das beim Austritt aus den Medien der Bürokratie und dem Eintritt in die Medien der ästhetischen Moderne im Symbolischen der Literatur, im Imaginären des Films und im Realen der Architektur erneut aufscheint und damit nicht zuletzt in diese Texte, Bilder und Bauten hinein verfolgt werden soll.