Cecilia Valenti
„Blob existiert nicht, sondern wider-steht“. Die Sendungscollage
Blob zwischen intermedialem Verschlingen und Montageinterventionen
Forschungsgegenstand meines Dissertationsprojekts ist
die italienische, satirische
Fernsehcollage
Blob, die seit 1989 am Kreuzungspunkt zwischen Tages-
und Abendprogramm (Sendezeit 20:10) auf dem öffentlichen, links orientierten
Sendekanal Rai Tre ausgestrahlt wird. Blob
recycelt
verstaubte Filmschnipsel
aus dem Rai Archiv,
die zusammen mit
Ausschnitten aus
bunten Varietés und weltweit
ausgestrahlten
Nachrichtenprogrammen neu montiert werden.
Zum einen machen
Blobs
Found-Footage-Ästhetik
und seine unstrukturierte Struktur – als Serie zeitlich begrenzte und
sequenziell angeordnete Einheiten –
ihren Status als
isoliertes, selbständiges Werk fragwürdig und problematisieren
gleichzeitig das
Verhältnis von Blob
zum restlichen „Fernsehflow“.
So imitiert Blobs Akkumulation von Bilderschichten eine Vorstellung
des Fernsehens als rhythmische Wiederholung von Bilderfragmenten, indem es
das Prinzip der Zufälligkeit der Fernsehbedienung, des „Surfens“ quer durch
die Programme, sichtbar macht: Das heißt, Blob selbst ist
Zapping. So weist das
Oszillieren von Blob
zwischen Rahmen (um) und Inkorporation (in) den Bilderfluss auf die
Frage, nach der Rahmung und der Grenzziehung und auf die Reflexion des
televisionären Paratextes hin.
Zum anderen arbeitet Blobs Montagecollage in
eine Gegenrichtung: Als bewusstes,
sinnstiftendes Verfahren selektiert Blob aus dem banalen
italienischen Unterhaltungsfernsehen skurrile und groteske Bilder, die in
einer Art „Montage der Attraktionen“ montiert werden, um „Schock-Momente“
beim Zuschauer hervorzurufen.
Ziel meines Dissertationsprojekts ist es also, das
Wechselverhältnis zwischen zum einen einer Strategie der Nivellierung, die
Blob zur formlosen, offenen Bilderschleife, zur experimentellen écriture
automatique macht, und einer dezidierten Interventionen durch die Montage
zum anderen zu untersuchen: Beide Aspekte führen zu zentralen Fragen nach
der Kodierung medialer historischer Prozesse und stellen die Montagecollage
in Blob als eine spezifische Art von Geschichtsschreibung dar. Indem
Blob die
„kleinen“ Geschichten
Italiens neben die offizielle,
globale Geschichte
montiert, stellt es damit einen demokratisierenden Versuch dar, eine
Geschichte des „und“ zu avancieren; d.h., eine Geschichtsdarstellung, die
nicht durch hierarchische oder narrativierende Bilderverkettungen, sondern
durch das pragmatische, horizontale
Ineinanderfließen der Bilderfragmente ihren
Ausdruck findet?
Weiter stellt das Zitieren
alter filmischer Bilder, die wie Erinnerungen im televisuellen
Gedächtnis auftauchen, das dialektische Verhältnis zwischen Vergangenheit
und Gegenwart, Erinnern und Vergessen evident dar? Und schließlich: Stellt
das Nebeneinandermontieren von (alten) filmischen und (aktuellen)
televisuellen Bildern ein Wechselspiel zwischen televisueller Gegenwart und
filmischer Vergangenheit dar, die wiederum Blobs Bilderschleife
zeitliche Kontinuität und historische Tiefe gibt?
Cecilia Valenti, Studium der Philosophie und
Filmwissenschaft in Mailand, Bremen und Berlin, seit Januar 2011
Stipendiatin im Graduiertenkolleg Mediale Historiographien.
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