Mareike Vennen
 

Medialisierungen des Lebendigen – Das Aquarium zwischen Natur und Technik von 1840 bis 1930

Das Projekt fragt danach, wie sich von 1840 bis 1930 – im Zuge der Sichtbarmachung und Erschließung der Unterwasserwelt und insbesondere der Tiefsee – im Medium des Aquariums ein spezifischer Blick auf das Lebendige
und seine Umwelt konstituiert. Dieser zugleich empirische und medial vermittelte Blick ist im naturwissenschaftlichen Diskurs einerseits sowie in der amateurwissenschaftlichen und künstlerischen Praxis andererseits zu verorten. In einer Synthese aus wissens-, medien- und kulturgeschichtlichen Ansätzen nimmt die Arbeit das Aquarium als technisch-mediales Dispositiv, als epistemisches Objekt und als imaginäre Infrastruktur in den Blick.


Zum einen geht es dem Projekt dabei um die materielle Kultur des neuen medientechnischen Dispositivs. Es wird gefragt, welche Rolle das Aquarium im Prozess (aqua-)biologischer Wissensproduktion, insbesondere in Bezug auf neue Paradigmen in der Erforschung von Lebensprozessen Mitte des 19. Jahrhunderts, einnimmt: Auf welche Weise wurde ein Wissen über Lebewesen anhand der „Bunten Welt im Glase“ generiert und auf die natürliche Umwelt übertragen? Die Arbeit untersucht, wie das Aquarium als Verbindung von technisierter Natur und simulierter Natürlichkeit eine Erforschung des Lebendigen mittels Einschluss, Regulierung und Modellierung in künstlichen (Öko-)Systemen ermöglicht. Die Nachbildung eines natürlichen Lebensraumes durch die Einbindung des Lebendigen in medientechnisch kodierte Regulations- und Simulationsprozesse soll wissenschaftshistorisch im Kontext der Entwicklung moderner Experimentalkulturen verortet und als konstitutives Moment für Proto- und frühe (aquatische) Ökologie in den Blick genommen werden.


Zum anderen geht es im Rahmen einer Poetologie des Wissens um die Frage nach der imaginären Funktion des Dispositivs ‚Aquarium’. Indem die experimentell-apparative Kultur der Aquarientechnik an die diskursive Praxis
rückgebunden wird, rücken sowohl zentrale Narrative früher ökologischer Evidenzproduktion als auch die wissensproduktive Funktion der Fiktion in den Blick. Es soll nicht nur gezeigt werden, wie das neue Blickdispositiv eine
(ökologische) Metaphernbildung zur Beschreibung des Lebendigen generiert, sondern auch, welche diskursiven Regulationsmechanismen mit den technischpraktischen Regulierungen im Aquarium korrelieren. Das produktive Wechselverhältnis von wissenschaftlich-technischen, populären und künstlerischen Perspektiven auf das Lebendige und seine Umwelt ist zentral für die Frage, inwiefern das neue Medium seit seiner Erfindung eine Imagination über seine grenzenlose Anwendbarkeit in Gang setzt und als Modell autarker Lebensräume zugleich zum Projektionsraum und
‚Zivilisationslabor‘ avanciert. Nicht zuletzt geht es dem Projekt dabei um medienhistorische Anschlusslinien des mikrokosmischen Lebensraummodells mit Entwürfen künstlicher Lebenseinheiten des 21. Jahrhunderts. Solche immersiven Lebensräume – sei es als Simulation natürlicher Umwelten oder als Habitate für den Menschen – erleben derzeit vor allem im Klimadiskurs eine Konjunktur. Die Arbeit will zeigen, wie bereits in (proto-)ökologischen
Experimenten des 19. Jahrhunderts das Aquarium der Idee Vorschub leistet, eine in sich geschlossene zweite Natur an jedem beliebigen Ort simulieren zu können.

 



Mareike Vennen, Studium der Kulturwissenschaft, Französischen Philologie und Theaterwissenschaft in Berlin (HU und FU) und Paris (Sorbonne Nouvelle Paris III). Seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für künstlerische Forschung Berlin (!KF) sowie Mitwirkung bei zahlreichen theatralen Projekten in den Bereichen Dramaturgie und Produktion. Seit Januar 2011 Stipendiatin des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien.